Foto von Isabella Hesse
Angehörige des Instituts teilen ihre Empfehlungen für Bücher, die bewegen, inspirieren und zum Nachdenken anregen.
Katabasis
Die Hölle gleicht dem Campus einer Elite-Universität und in ihr wimmelt es von gescheiterten Akademiker*innen – das stellen die beiden jungen Wissenschaftler*innen Alice und Peter fest, als sie sich auf die Reise in die Unterwelt machen. Dort suchen sie nach ihrem Doktorvater, um ihre Abschlussarbeiten zu retten und offene Rechnungen zu begleichen. Rebecca F. Kuangs Fantasy-Roman Katabasis erzählt von akademischem Ehrgeiz, Machtmissbrauch und den dunklen Seiten des Genies. Das Buch zeichnet ein düsteres Bild von Wissenschaft und beschreibt gleichzeitig Auswege: Solidarität, Empathie, Respekt und die geteilte Leidenschaft am Fragen und Forschen.
Rebecca F. Kuang: Katabasis. Harper Collins 2025.
Buchtipp von Helen Ahner
Demon Copperhead
Coming of Age im Amerikanischen Albtraum: Trailerpark-Klischee, Tabakfelder, die Einöde Virginias und sozialpolitische Fehlentscheidungen. Der neue David Copperfield wächst auf inzwischen Drogen, Pflegefamilien aber mit aufopfernder Empathie, Zeichentalent und einem pragmatischen Lebensmut. Weder easy read noch leicht zu tragen mit all der schäumenden Wut, dem Traum vom Meer und über 800 Seiten, bei denen man auf jeder 20-ten einen Charakter ohrfeigen und umarmen möchte.
Barbara Kingsolver: Demon Copperhead. Harper Collins 2022.
Buchtipp von Marlene Bold
Die Gabe
Der Essay ist wohl einer der meistzitierten Texte der ethnologischen Literatur. Es lohnt sich, ihn nicht nur zu zitieren, sondern auch zu lesen. Unterschiedliche Rezeptionslinien befassen sich seit seinem Erscheinen 1923 mit dem Konzept der Gabe. Doch Mauss’ Überlegungen, die sich auf verschiedene – jedoch nicht auf eigene – ethnographische Arbeiten stützen, sind vielschichtiger als spätere, oft verengte Interpretationen.
Die grundlegende Frage des Essays lautet: Wie lassen sich Geben, Annehmen und Erwidern jenseits der Marktlogik und des Gegensatzes von Eigennutz und Altruismus als soziale Praxis verstehen, die Beziehungen herstellt und das Zusammenleben maßgeblich gestaltet? Für mich war der Text eine anregende Begleitlektüre zu meiner Dissertation. Er gab mir zahlreiche Denkanstöße, um wirtschaftliche Praktiken zu deuten – von der familiären Mitarbeit am Bauernhof über nachbarschaftliche Tauschformen bis hin zu betrieblichen Kooperationen.
Auch wenn der Untertitel etwas anderes suggeriert, nennt Mauss in seinen „Moralischen Schlussfolgerungen“ Beispiele der Gabe, die Leser:innen aus ihrem Alltag vertraut sind, etwa Weihnachten. Was mir besonders gefällt: Mauss war ein Aktivist, keiner, der sich auf Kritik beschränkt oder selbstgefällig kommentiert. Seine Arbeit zur Gabe zielte darauf ab, die Vorstellungen dessen, was Ökonomie ist, zu erweitern und daraus Impulse für moralische und politische Alternativen zum vorherrschenden Denken seiner Zeit zu gewinnen.
Marcel Mauss: Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Suhrkamp 2024 (1923).
Buchtipp von Thassilo Hazod.
Die Infantin trägt den Scheitel Links
Das was ich so besonders finde an den Büchern ist die Sprache, die Helena Adler verwendet hat. Sie schreibt viel in Metaphern. Ein Stil den ich so noch nie gelesen hab der mich aber völlig fasziniert. Die Geschichte handelt von einem Mädchen und wie sie heranwächst, davon wie ihr Umfeld mit ihr umgeht und welche Herausforderungen ihr in ihrem Leben begegnen. Helena Adler beschönigt nichts, stellt Dinge sogar teilweise brutal dar, wodurch die Spannung nur größer wird.
Helena Adler: Die Infantin trägt den Scheitel links. Jung und Jung 2020.
Buchtipp von Alina Kranewitter
Miami Punk
Vor der Küste Miamis verschwindet der Ozean über Nacht. Die Lesenden erleben die neuen Alltage der Stadt aus den Augen einer Videospiel-Entwicklerin, einer auseinanderbrechenden Arbeiter:innenfamilie, einer Soziologin und eines jungen Germanisten und E-Sportlers aus Wuppertal, der mit dem Schreiben seiner Doktorarbeit einfach nicht vorankommt. Wer mehr über die Bedeutung von Arbeit, strauchelnde Ordnungssysteme oder Wrestler:innen, die gegen Alligatoren kämpfen, wissen will, sollte diesem Buch auf jeden Fall eine Chance geben!
Juan S. Guse: Miami Punk. S. Fischer Verlag 2019.
Buchtipp von Lennart Nagels.
Polyfantastisch?
Eine diverse Zusammensetzung von Artikeln, die sich mit konsensuell nicht-monogamen Beziehungspraxen auseinandersetzen. Die Autor:innen betrachten das Thema aus autobiografischer/ ethnografischer Perspektive und geben antikapitalistische und queerfeministische Einblicke. Besonders gefallen hat mir die Auseinandersetzung mit dem Thema ohne sich dabei ständig an der Monogamie abzuarbeiten, der kritische Blick auf zum einen männliche Polyamorie (ein Mann profitiert von der Care-Arbeit mehrerer Frauen), und zum anderen Poly-Beziehungen als Klassenprivileg. Sehr snackable!
Cornelia Schader u. Michael Raab (Hg.): Polyfantastisch? Nichtmonogamie als emanzipatorische Praxis. Unrast Verlag 2024.
Buchtipp von Lennart Nagels
Gewässer im Ziplock
Dana Vowinckel nahm mich mit in einen Sommer zwischen Berlin, Chicago und Israel, in das Leben von Avi und seiner 15-jährigen Tochter Margarita, aus deren wechselnden Perspektiven ich dieses Familiendrama erlebte. Auf fesselnde und unterhaltsame Weise erlaubte mir die Autorin einen Einblick darin, was es heißt, im Jahr 2023 in Deutschland jüdisch zu sein, in Israel deutsch und in den USA irgendwie alles zusammen. Zwischen dem Erwachsenwerden von Margarita, dem Glauben von Avi und der Ruhelosigkeit von Mutter Marsha, die sich früh aus dem Leben der beiden verabschiedet hatte, fliegen die heißen Tage in diesem Roman nur so dahin.
Dana Vowinckel: Gewässer im Ziplock, Suhrkamp 2023.
Buchtipp von Maja Pause
