Ethnografische Vignette von Nicole Mayr
Auf einer Eurovision-Watchparty im Jahr 2023 wurde mir erstmals meine musikalisch geprägte Wahrnehmung des Eurovisions bewusst. Viele Gäste hatten die Flaggen ihrer Geburtsländer ins Gesicht gemalt und reagierten vor allem auf die Auftritte „ihrer“ Nation. Andere Beiträge wurden kaum beachtet. Während für mich Musik, Inszenierung und die ästhetische Umsetzung im Vordergrund stehen, schien der Wettbewerb für viele Anwesende vor allem eine Bühne nationaler Zugehörigkeit zu sein.
Als Österreich 2026 den Eurovision Song Contest ausrichtete, entschied ich mich gemeinsam mit einem Freund aus Düsseldorf mehrere Begleitveranstaltungen zu besuchen. Unser erster Halt war Sonntagabend die Eurovision Village am Rathausplatz. Nach strengen Sicherheitskontrollen öffnete sich ein Raum aus Sponsorenständen, interaktiven Angeboten und gastronomischen Einrichtungen. Besucher:innen konnten Karaoke singen, Perlenketten basteln oder österreichisch sowie Eurovision konnotierte Souvenirs gewinnen. Die Musik trat dabei in den Hintergrund. Der Eurovision erschien hier weniger als Musikwettbewerb, sondern mehr als kommerzialisierter Erlebnisraum, in dem nationale Narrative und Markeninszenierungen ineinandergriffen.


Bei der Opening-Afterparty des österreichischen Eurovision Fanclubs fiel mir vor allem die Zusammensetzung des Publikums auf. Sichtbar queere Selbstdarstellungen und unterschiedliche Sprachen prägten den Raum. Gleichzeitig fehlten jene männlich heterosexuell dominierten Gruppenkonstellationen, die ich aus anderen Club- und Veranstaltungssettings kenne. Dadurch entstand der Eindruck eines sozialen Raumes, der stärker von Zugehörigkeit und Akzeptanz als von Konkurrenz und Beobachtung geprägt war.
Auch mein Besuch der Nachmittags-Generalprobe des ersten Halbfinales widersprach meinen Erwartungen einer überfüllten Massenveranstaltung. Bereits die Sicherheitsinfrastruktur prägte den Zugang zum Event: Metallscanner, Taschenverbote und Kontrollpunkte rahmten die Erfahrung des Ankommens. Ich sah mehrere Menschen, welche auf kreative Art und Weise ihre Wertgegenstände verstauten (in hohen Stiefeln oder angezogenen Socken). In der Stadthalle zeigte sich für mich der Eurovision nicht nur als Musikveranstaltung, sondern auch als Medienproduktion. Während die Fernsehübertragung den Eindruck riesiger Menschenmengen erzeugt, welche ich in dieser Form gar nicht wahrnahm, dominieren vor Ort Bühnenkonstruktionen, Kamerakräne und technische Infrastruktur den Raum. Viele Momente der Auftritte waren primär für die Kamera konzipiert und aus dem Publikum nur eingeschränkt auf einem kleinen Extrabildschirm sichtbar. Dadurch entstand der Eindruck zweier paralleler Veranstaltungen: eines Live-Events für die Anwesenden und eines Fernsehprodukts für Zuschauer:innen von außen. Gleichzeitig empfand ich die Atmosphäre als überraschend entspannt, die Generalprobe wirkte keineswegs überfüllt. Die erwartete Massenveranstaltung fühlte sich erstaunlich zugänglich an, selbst der Gang zur Toilette wurde nicht zum Hindernislauf.
Auch politische Spannungen wurden sichtbar, allerdings meist indirekt. Im sogenannten Caféhaus-Bereich (in welchem bei den Generalproben anderweitige Mitarbeitende verweilten – erkennbar an den auffälligen Eurovision-Schlüsselbändern) blieben die Sitzplätze der israelischen Lounge weitgehend leer. Während ich mit deutlich stärkeren Reaktionen während des Auftritts des Israelbeitrages gerechnet hatte, äußerte sich politische Positionierung eher durch Zurückhaltung des Publikums als durch offene Protestformen. Dies verstärkte meinen Eindruck, dass die mediale Sichtbarkeit der Liveshows für politische Botschaften bedeutsamer erscheint als die Generalproben selbst.





Besonders deutlich wurde die soziale Dimension des Eurovision schließlich bei unserem Besuch des Euroclub im Praterdome. Zwischen Eurovision-Songs, Live-Auftritten ehemaliger Teilnehmer:innen und queeren Pop-Performances entstand eine Atmosphäre, die sich für mich deutlich von vielen anderen Clubkontexten unterschied. Der Raum wirkte offen, international und für viele Besucher:innen als Ort der Zugehörigkeit. Ein aufschlussreicher Moment ergab sich während des Auftritts von Lukas Plöchl. Dessen frühere Band Trackshittaz hatte für mich in der Kindheit und Jugend eine Form regionaler Repräsentation in internationalem Rahmen verkörpert. Als eine Gruppe junger Männer, die erst zu Plöchls Auftritt auftauchte, lautstark alte, misogyne Songs mitgrölte, welche meines Eindrucks nach zuerst recht ironisch vom Publikum halb mitgesungen wurden, bemerkte ich jedoch einen deutlichen Kontrast zur übrigen Atmosphäre des Abends. Gerade diese Irritation machte für mich sichtbar, wie stark der Euroclub von alternativen sozialen Normen geprägt ist.


12.05.2026
Nationale Zugehörigkeit zeigte sich während der gesamten Eurovision-Woche als wiederkehrendes Motiv. Ein Freund aus Düsseldorf trug bei der Generalprobe ein Deutschland-Fußballtrikot und einen Deutschland-Schal, obwohl der deutsche Beitrag nicht sein Favorit war. Beim Verlassen des Euroclubs begegneten wir einer Gruppe bulgarischer Fans. Als eine meiner Freund:innen begeistert „I love Bangaranga!“ rief, antwortete jemand: „We are Bangaranga!“. Nationale Identität wurde dabei weniger als politische Abgrenzung inszeniert als vielmehr als spielerische und performative Form der Zugehörigkeit.

Auch Österreich präsentierte sich über nationale Narrative. Neben humorvollen Verweisen auf österreichische Klischees im satirischen Beitrag „Austrialia“ wurde in einer Zwischenshow die Geschichte des Praters durch Akrobatik und visuelle Inszenierungen erzählt. Nationale Repräsentation erschien hier nicht als starre Kategorie, sondern als kulturelle Performance, die Unterhaltung, Tourismusmarketing und Identitätsangebote miteinander verbindet. Rückblickend erscheint mir meine ursprüngliche Vorstellung des Eurovision als Musikwettbewerb zu kurz gegriffen. Musik bleibt zwar der Ausgangspunkt, erklärt das Phänomen jedoch nicht vollständig. Der Eurovision fungiert zugleich als Fernsehshow, Marketingplattform, nationales Schaufenster und queerer Begegnungsraum. Dabei treffen unterschiedliche Formen von Zugehörigkeit aufeinander: nationale Identitäten, queere Gemeinschaften, Fan-Kulturen und touristische Inszenierungen. Gerade diese Gleichzeitigkeit scheint den besonderen Reiz des Eurovision Song Contest auszumachen. Menschen kommen
aus unterschiedlichen Gründen – für die Musik, die Gemeinschaft und/oder das Spektakel – und erleben dennoch das Gefühl, Teil desselben Ereignisses zu sein.
Dieser Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung „Institutskolloquium: Wasted Love?“ unter der Leitung von Maximilian Jablonowski und Helen Ahner. Weitere studentische Beiträge aus Lehrveranstaltungen sind hier zu finden.
Fotos (Privat)
Links (zuletzt aufgerufen 07.06.2026)
- Eurovision Song Contest 2026 Opening Ceremony (Turquoise Carpet) – Offizielle Auftaktveranstaltung des Eurovision Song Contest mit allen Delegationen auf dem Turquoise Carpet am Wiener Rathausplatz
- Eurovision Village Vienna 2026 – Öffentlich zugänglicher Erlebnisraum rund um den Eurovision Song Contest mit Sponsorenständen, interaktiven Aktivitäten (z. B. Karaoke, Spiele, Merchandise) und Eventbühnen
- EuroClub Vienna 2026 – Offizielle Aftershow- und Fan-Location des Eurovision Song Contest im Praterdome, bestehend aus Clubnächten, Live-Acts ehemaliger und aktueller Teilnehmer:innen sowie Public-Viewing der Halbfinale und des Finales
- Praterdome – Veranstaltungsort des EuroClub, einer der größten Club- und Eventlocations Wiens
- Opening Ceremony Eurovision Afterparty (Turquoise Night / Opening Party) – Begleitende Fan- und Clubveranstaltung zur offiziellen ESC-Eröffnung
