Mit Mai 2026 begrüßen wir zwei neue Kolleg:innen am Institut, die als Prae Docs unser Team ergänzen werden. Herzlich willkommen an Fabrice Lontke und Carlotta Stimpfle!
Was hat dich nach Wien geführt?
Carlotta: Für mich war Wien immer die Stadt, in der ich mir aufgrund meiner Interessen, aber auch durch die Stadtgeschichte, Kulturangebote und Institutionen gut vorstellen konnte zu leben. Mein Opa kam aus Wien, womit ich viel Zeit in meiner Kindheit und Jugend in Wien verbracht habe. Besonders seine Begeisterung für die Wiener Kaffeehauskultur und die Museen der Stadt haben mich nachhaltig geprägt. Heute schätze ich die Möglichkeit, mich Wien mit dem Blick der Europäischen Ethnologie erneut anzunähern, mein fachliches Wissen zu vertiefen und zugleich an den vielfältigen kulturellen Angeboten und institutionellen Kontexten der Stadt teilzuhaben.
Fabrice: Schon länger habe ich damit geliebäugelt, in Wien zu leben und zu arbeiten. Neben vielen persönlichen Verbindungen, schätze ich besonders die kulturelle Vielfalt der Stadt, die Nähe zu bedeutenden Museen und Sammlungen sowie das breite thematische Spektrum am Institut. Zudem hat mich Wien als große und bunte Stadt mit seiner Nähe zu Natur, Bergen und Seen gelockt.
Welches Themengebiet interessiert dich? Was ist das Thema deiner Dissertation?
Carlotta: Thematisch habe ich mich in den letzten Jahren unter anderem mit Narrationen, Praktiken und Räumen beschäftigt, die Ausdruck gegenwärtiger kultureller Werte, gesellschaftlicher Aushandlungen und unterschiedlicher Handlungslogiken darstellen. Unter diesen Gesichtspunkten wurden insbesondere Wandlungsprozesse und Wendepunkte für mich relevant, die materiell erfahrbar werden, erzählt beziehungsweise erzählerisch vermittelt werden. Dabei haben mich insbesondere die Erzählforschung, Politische Anthropologie und zuletzt regionale Kulturanalysen begleitet. Im Zentrum meines bisherigen Dissertationskonzepts steht die Refiguration institutioneller Räume. Mich interessiert, welche narrativen Vorstellungen zukünftiger Quartiere und öffentlicher Räume in Projekten formuliert werden und welche institutionellen Handlungsspielräume sowie Begrenzungen dabei wirksam werden. Ebenso beschäftigt mich, welche Vermittlungsformate und Interventionen im öffentlichen Raum entstehen und wie diese von unterschiedlichen Nutzer*innengruppen wahrgenommen, angeeignet oder auch kritisch kommentiert werden. Untersucht wird dabei, wie verschiedene Akteur*innen diese Veränderungen deuten und nutzen und wie sich in diesen Prozessen Vorstellungen von Zugänglichkeit, Partizipation und städtischem Zusammenleben konkretisieren. Das Projekt verortet sich in einer praxeologisch orientierten kulturwissenschaftlichen Stadtforschung, die Urbanität als Ergebnis alltäglicher Praktiken und Aushandlungen versteht.
Fabrice: In meiner wissenschaftlichen Arbeit, wie auch persönlich, verbinde ich anthropologische, psychologische und performative Ansätze, um zu verstehen, wie gesellschaftliche Entwicklungen in alltäglichen Erfahrungen wirksam werden. Mein Interesse gilt dabei insbesondere den Wechselwirkungen zwischen individuellen Wahrnehmungen und gesellschaftlichen Strukturen. Meine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Im-/Material Cultures, Psychologische Anthropologie und Umweltanthropologie. Forschungs- und Praxisprojekte führten mich neben Mittel- und Südeuropa auch nach Westafrika sowie nach Nord- und Südamerika. Meine vorläufige Idee für das Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit der Frage, wie Klimawandel in kulturellen Kontexten repräsentiert und gesellschaftlich verhandelt wird. Mich interessiert dabei besonders, wie Klimawandel nicht nur als naturwissenschaftliches oder politisches Thema erscheint, sondern auch mit Fragen von Gesundheit, Verantwortung und Zugehörigkeit verknüpft wird. Aus einer europäisch-ethnologischen Perspektive untersuche ich, wie unterschiedliche Wissensformen, institutionelle Rahmungen und alltägliche Erfahrungen in diesen Prozessen zusammenwirken.
Hast du etwas für die nächsten Jahre geplant, worauf du besonders gespannt bist?
Carlotta: Ich freue mich besonders darauf, mich in Wien einzuleben, neue Stadtteile zu entdecken und neben der Forschung auch Zeit in Kaffeehäusern, Theatern und Ausstellungen zu verbringen.
Im Rahmen meines Konzepts beschäftigt mich insbesondere das aktuelle Projekt „turning points“ des Volkskundemuseums, das bereits an ein Studienprojekt des vergangenen Wintersemesters anknüpfte und gegenwärtige Aushandlungen um „Public Spaces“ und „Dritte Orte“ sichtbar macht. Die engen Verbindungen des Instituts bieten für mich ideale Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit Studierenden, etwa in Form gemeinsamer Exkursionen, beispielsweise zu DGEKW-Tagungen, oder durch Schreibwerkstätten und Formate, die Perspektiven nach dem Studium eröffnen und Austausch ermöglichen. Dabei ist es mir besonders wichtig, Interessen und Bedarfe der Studierenden aufzugreifen und diese bedarfsorientiert in Lehre und Vermittlung einzubringen.
Als erste Lehrveranstaltung werde ich im Wintersemester das Seminar „Ethnographisches Schreiben“ gestalten. Dabei interessiert mich vor allem die praktische Arbeit mit unterschiedlichen Materialien und Zugängen zum wissenschaftlichen Schreiben. Perspektivisch kann ich mir zudem Lehrveranstaltungen im Bereich der kulturwissenschaftlichen Raumforschung vorstellen, die in Kooperation mit Kulturinstitutionen oder Kooperationspartner*innen meines Dissertationsprojekts entstehen.
Ich möchte meine bisherigen Erfahrungen aus Forschungsprojekten und wissenschaftlicher Praxis gerne mit Studierenden teilen, Begeisterung für das Fach vermitteln und unterschiedlichen inhaltlichen Interessen durch mein breites Themenspektrum begegnen.
Fabrice: Zunächst freue ich mich darauf, in Wien anzukommen, und die Möglichkeit, die Stadt und das Institut kennenzulernen. Besonders interessiert mich die Zusammenarbeit mit Museen wie dem Volkskundemuseum oder dem Weltmuseum Wien für die Möglichkeit studentischer Ausstellungsprojekte und gemeinsamer Exkursionen. Besonders erhoffe ich mir, die Kreativität und Begeisterung an unterschiedlichen Darstellungs- und Forschungsmethoden anzureichern und zusammen spannende Themen und Inhalte zu erarbeiten.
Im kommenden Semester werde ich die Lehrveranstaltung „Historische Methoden“ anbieten, worauf ich bereits sehr gespannt bin. Perspektivisch möchte ich auch Lehrveranstaltungen entwickeln, die an mein Dissertationsprojekt anschließen und sich mit Fragen der Wahrnehmung und Vermittlung von Klimawandel und ökologischen Transformationen beschäftigen. Dabei interessiert mich insbesondere, wie unterschiedliche Wissensformen entstehen, miteinander konkurrieren und in verschiedene gesellschaftliche Kontexte übersetzt werden. Ich hoffe, dass ich durch meine diversen Interessen und Erfahrungen vielen Wünschen und Bedürfnissen der Studierenden begegnen kann!
Fotos: Fabrice Lontke, Carlotta Stimpfle
