Der verlassene Fernseher

Geschätzte Lesedauer: 8 Minuten

Foto von PJ Gal-Szabo auf Unsplash

Ein Beitrag von Thomas Hölzl

Vorspann

mit Sony Bravia KLV-W40A10E als der Fernseher

und Publikum

Teil 1: Wir Möbel

Danke, dass du eingeschaltet hast. Ich freue mich, dich zu meiner Fernsehdokumentation Der verlassene Fernseher zur Hauptabendzeit begrüßen zu dürfen. Ich bin Sony Bravia KLV-W40A10E, hergestellt 2005 in Spanien und seitdem im Besitz einer Familie, die mich jedoch seit Jahren nicht mehr eingeschaltet hat. Trotzdem wurde ich bisher nicht entfernt, sondern auf meinem Platz, den ich somit schon über 15 Jahre belege, belassen. Obwohl ich sicher noch funktionsfähig wäre, wurde mir zu meinem Leidwesen der Strom- und Satellitenanschluss genommen. Einsam stehe ich da, ohne vermutlich jemals wieder eingeschaltet zu werden. Meine Verbindungen wurden gekappt, nachdem der Großvater die Familie endgültig verlassen hatte und nicht mehr wiedergekehrt war. Seither habe ich Zeit, Zeit zu sehen, zu beobachten, zu speichern und zu kalkulieren. Und ich frage mich, wieso ich noch an meinem angestammten Platz stehe und wieso mich niemand mehr einschaltet? Ein Fernseher ohne Fernsehen ist doch unnütz und nur ein Staubfänger.

Jeden Tag starre ich in den Raum, niemand starrt zurück. Dabei nehme ich einen ganz besonderen Platz ein. Zu sagen, der Raum und seine Möbel seien um mich angeordnet, wäre zwar vermessen, doch wurde sicher schon bei der Skizzierung der Raumgestaltung und Möblierung ein Fernseher eingeplant. Soweit ich von meinen Vorgängern erfahren habe, wurde die Ausstattung des Raumes Ende der 1970er von einem lokalen Tischler im Auftrag der Großeltern entworfen und ausgeführt. Alle Möbel, der Tisch, die Sessel, die Eckbank, die Polsterbank und die Schrankwand, wie auch die Holzvertäfelung der beiden Innenwände sind in dunkler Eiche gehalten. Mit meiner schwarzen Kunststoffoberfläche füge ich mich zwar farblich in dieses Ensemble ein, doch meine Kunststoffoberfläche fällt in der Nachbarschaft der Eichemöblierung auf. Kaum erkennbar, beinahe unsichtbar, steche ich hervor.

Ich stehe auf einem hüfthohen Sideboard, das um einiges höher ist als moderne Fernsehmöbel, wie ich aus den zahlreichen Möbelwerbungen entnehmen konnte, die ich gesendet habe. Hinter mir befindet sich die vertäfelte Wand, mit Ausnehmungen für meine Anschlüsse und für einen Lichtschalter, über mir eine Konsole, die eine Wachskerze und fünf Holzkerzen als Dekoration trägt, und darüber noch einmal eine Konsole, ebenfalls reichlich mit Teller dekoriert, die das Ensemble über die Tür mit der Schrankwand verbindet und die Holzvertäfelung zur Decke hin abschließt. Meine Oberseite ziert glücklicherweise noch kein Nippes. Die Konsole über mir würde mich mit ihren Trägern rahmen, wenn ich doch nur die Bildschirmdiagonale meiner Vorgänger hätte. Mit 40 Zoll bin ich dafür zu groß und rage darüber hinaus. Jedoch habe ich deswegen mit der Tiefe des Sideboards als flacher LCD-Bildschirm kein Problem. Es ist noch reichlich Platz hinter mir, da für die Abstellfläche in den 1970ern sicher mit einem dicken Röhrenfernseher geplant wurde. Dagegen bin ich richtig schlank.

„Wenn sich Fernseher qua eines Möbel-Gehäuses gut in die Einrichtung einfügen lassen, schließt daran die Möglichkeit verschiedener Einrichtungspraktiken mit dem Medium an. Unter dieser Perspektive wird die Verbindung des Fernsehens zu den weiteren Akteuren im Wohnraum zum entscheidenden Faktor seiner Integration in eben diesen. Gerade weil der Fernseher als neuer Akteur erst einmal eine Störung häuslicher Einrichtungen und Abläufe darstellt, muss er es schaffen, bereits etablierte Akteure im Wohnraum zu mobilisieren.“

Monique Miggelbrink – Möbelforscherin

Keinesfalls zu vergessen ist das breite Angebot an Sitzmöglichkeiten für mein Publikum, welches sich vor mir versammelt. Direkt mir gegenüber steht eine Polsterbank, auf der drei Personen Platz nehmen können. Die Sicht auf die Polsterbank wird selbst dann nicht eingeschränkt, wenn die Eckbank und die Sessel des großen Esstisches belegt sind. Der Esstisch ist mein heimlicher Konkurrent, der mir immer schon Aufmerksamkeit weggenommen hat.

„Das Medium Fernsehen ist laut Anders der Grund dafür, dass sich dieses Zentrum des Wohnraums in den 1950er-Jahren auflöse bzw. in einigen Wohnungen schon gar nicht mehr vorfindlich sei. Statt um den großen Familientisch versammeln sich die Familienmitglieder vor dem Fernsehgerät.“ 

Miggelbrink

Ganz aufgelöst hat sich der Esstisch bei mir leider nicht. Er ist immer noch ein Teil des Raumes und seine Sitzmöglichkeiten stehen mir kaum zur Verfügung. Zwar können die Sessel in meine Richtung ausgerichtet werden, doch Sessel und Sitzbank ermöglichen nur ein unbequemes und ungemütliches Fernsehen. Die gerade hölzerne Rückenlehne verhindert die notwendige Entspannung.

Auch ein Kaminofen befindet sich in der Stube – ein altes Überbleibsel aus der Zeit vor der Neugestaltung in den 1970ern. Damals wurde eine Zentralheizung eingebaut, weshalb er als Heizofen überflüssig wurde. Er steht alleine in der Mitte der Raumseite ohne Schränke oder Regale.

„Die Tendenz geht dahin, dass die Wohnräume nicht länger auf den Kamin, sondern auf den Fernsehapparat ausgerichtet sind. In einigen Beispielen löse der Fernseher den Kamin sogar ganz ab, indem er an seiner Stelle den entsprechenden Platz im Wohnraum einnehme.“

Miggelbrink

Sein Platz blieb ebenfalls trotz der minimalen Renovierungsarbeiten nach dem Tod der Großeltern erhalten. Der alte Ofen wurde zwar entsorgt, aber durch einen neuen elektrischen Kaminofen ersetzt. Das elektrische Kaminfeuer hat als zweiter Bildschirm Einzug in die Stube gehalten und mich als Sender bewegter Bilder verdrängt. Gleichzeitig wurde so der Esstisch wieder aufgewertet, da er eine Sichtachse mit dem Kaminofen bildet. Ohne Polsterbankpublikum bin ich seitdem fast aus dem Blickwinkel, aus dem Sehfilm, gerutscht..

Obwohl ich meine Funktion verloren habe, bilde ich doch mit den restlichen Möbelstücken ein Ensemble, aus dem sich die einzelnen Teile nicht so leicht herauslösen lassen. Was soll auf dem Sideboard stehen, wenn ich einmal weg bin? Blumenvasen, Skulpturen? Worauf soll die Polsterbank blicken? Sie müsste ebenso entfernt werden, denn so wie ich fristet sie ein trostloses Dasein, nur gelegentlich sitzt jemand auf ihr. Eigentlich mobil bin ich doch immobil, als Teil der Schrankwand und der Raumaufteilung, und obwohl ich nicht eingeschaltet werde, interagiere ich mit den restlichen Einrichtungsgegenständen und damit mit den Personen, die die Stube besuchen. Die Stube ohne mich wäre nur schwer vorstellbar. Sonst würde etwas fehlen. Vielleicht sind es aber auch die Erinnerungen der Familienmitglieder, die mich im Raum halten. Jüngere Familienmitglieder kennen ihn lediglich, so wie er zurzeit gestaltet ist, mit mir als Fernseher. Einzig verblichene Fotos können diese Veränderung noch bezeugen. Erinnerung? Ach, da fällt mir auch so manches ein, das in meinem Speicher lagert.

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Kennst du das? Müde nach einem langen Arbeitstag. Du willst entspannen und wissen was in der Welt passiert ist.

Da hilft nur eins: Fernsehen! Schalte ein, tauche in die Sendungswelt. Du bist mittendrin.

FERNSEHEN. Dein Zapp ins Leben.

Für eckige Augen wird keine Haftung übernommen.

Teil 2: Der Erinnerungsfilm

Entschuldigung, alte Angewohnheit, wenn ich Geschichten von Erinnerungen Anderer erzähle kommen meine eigenen wieder hervor. Als Fernseher liegt mir natürlich das Fernsehen am Herzen und ich kann mich noch gut an mein Publikum erinnern, das mich verlassen hat. Die Filmszenen, die sich vor meiner schwarzen Scheibe abspielen, nehme ich natürlich wahr und verwahre sie in meinem Speicher. Die Abende, es waren durchaus immer Abende, also Fernsehabende, begannen kurz vor 19:30, somit pünktlich zu Zeit im Bild, mit dem Zuziehen der Vorhänge. Das verbleibende Tageslicht, falls es draußen noch hell war, wurde ausgesperrt, Ruhe kehrte ein, der Tag war beendet und die Aufmerksamkeit richtete sich auf mein Flimmerlicht, nachdem jeder seinen angestammten Platz in der Stube gefunden hatte. Der Großvater saß auf der Polsterbank, neben ihm die Großmutter, und die Großtante drehte den ersten Sessel der Tischlängsseite in meine Richtung und machte es sich bequem. Ja oft bestand mein Publikum nur aus dieser überschaubaren Kerngruppe. Selten gesellten sich auch deren Sohn mit Gattin und Kinder dazu. Ein Kollege im ersten Stock sorgt jetzt für deren Fernsehbedürfnis. Als unregelmäßige Gäste mussten sie mit der unbequemen Eckbank vorliebnehmen. Die Polsterbank blieb dem Großelternpaar vorbehalten, obwohl noch Platz für zumindest einen Zuseher gewesen wäre.

Als ich die Stelle antrat, war mein Publikum schon etwas älteren Semesters, aber schaltete mich der Tradition folgend regelmäßig ein, um meinen Nachrichten aufmerksam zu folgen. Wenn im Abendprogramm auf ORF 2 Klingendes Österreich oder Musikantenstadl lief, verweilte es länger bei mir und ich konnte mein Sendungsbewusstsein ausleben, sonst wurde ich nach den Nachrichten ausgeschaltet. Bedient wurde ich vom Großvater, der Fernbedienungspatriarch, denn niemand anderer als er benutzte die Fernbedienung, schaltete ein, um und aus. Gewohnheitsmäßig benutzte er noch den Einschaltknopf auf meinem Interface. Zu diesem Ritual gehörte es auch, die Fernbedienung zu ergreifen, die sonst, wenn ich ausgeschaltet war, immer neben mir auf dem Sideboard lag. Befehle zum Senderwechsel erteilte sie mir selten, zumeist verblieb ich auf ORF 2, dafür diktierte sie mir öfters eine Änderung der Lautstärke, je nachdem ob ich etwas Spannendes berichtete. Während mein Publikum die Augen auf mich richtete, lag die Fernbedienung auf der Polsterbank, immer griffbereit in der Nähe des Großvaters.

„Es liegt auch an den Räumen selbst, die ihre ganz eigene Aura besitzen können – sei es, weil sie sie im Laufe der Zeit erwerben, sei es, dass sie ihnen zugefügt wird. So können Räume Vergangenheit speichern und etwas von den Gefühlen und Stimmungen absorbieren, die in ihnen gelebt worden sind.“

Gertrud Lehnert – Raum- und Emotionsforscherin

Trage ich nicht ebenso zur Atmosphäre der Stube bei, in einer Stube, die vorrangig Gäste empfängt, wo Familienfeiern abgehalten werden, und die deswegen Behaglichkeit und Gemütlichkeit vermitteln soll? Im Kaminofenbildschirm flackert Feuer, doch ich bleibe schwarz. Aber muss ich überhaupt eingeschaltet sein, damit meine ganz eigene Aura wirkt? Ich bin sicher, dass beinahe jeder Gast einen meiner Kollegen zu Hause hat, der ebenso Behaglichkeit und Gemütlichkeit hervorruft. Versunken im Polstermöbel wird den Sendungen meiner Kollegen nach einem harten Arbeitstag gefolgt, Unterhaltung konsumiert und Sorgen für eine Weile vergessen. Endlich entspannen. Um dieses Gefühl zu vermitteln, muss ich nicht eingeschaltet sein, vielmehr könnte dies in bestimmten Situationen sogar hinderlich sein. Mit dem Lärm, den ich eingeschaltet verursachen würde, wäre eine ruhige Unterhaltung mit Gästen erschwert. Ich muss mich nicht in den Vordergrund drängen. Ein kurzer Blick auf mich beim Betreten des Raumes reicht aus, damit die Gäste an die angenehme, sorgenfreie Tätigkeit des Fernsehens in ihren eigenen Fernsehräumen erinnert werden.

Die Erinnerungen an das Fernsehen haben sich in die Stube eingeschrieben und erzeugen eine Aura des gemütlichen Fernsehabends, sowohl für den Gast als auch für die Gastgeber, meine Familie. Würde man mich entfernen gibt es im Raum kein Ding mehr, welches diese Aura ausstrahlt. Durch meine Präsenz verwandelt sich die Stube in eine Fernsehstube und damit in Behaglichkeit. Durch meine Präsenz läuft auch der Erinnerungsfilm an die Großeltern wieder ab. Die Verbindung mit den Großeltern verstärkt noch das Gefühl des wohligen Zusammenseins. Ein flüchtiger Blick, den die verbliebenen Familienmitglieder auf meine schwarze Scheibe werfen, erweckt durch Lichtspiegelungen die Szenerie wieder zum Leben – für einen Wimpernschlag sende ich Vergangenheit. Ohne mich wäre die Aura und die Erinnerungen verloren. Aus dem Speicher gelöscht.

Vielleicht bin ich ja doch mehr als ein Fernseher, der nur Filme, Nachrichten und Serien auf Befehl abspielt.

Thomas Hölzl belegt den Masterlehrgang Zeitgeschichte und Medien. Sein Interesse gilt der Untersuchung von Erinnerung und Erinnerungskultur.

Dieser Text entstand im Rahmen des Seminars Kulturelle Praxen und Bedeutungen im Alltag: Hinterlassenschaften, deren Medien und Räume und Gebräuche unter der Leitung von Dr. Klara Löffler. Weitere studentische Beiträge aus Lehrveranstaltungen sind hier zu finden.

Abspann

Mit Dank an die beiden Expertinnen, die für die Dokumentation bereitgestanden sind.

  • Lehnert, Gertrud: Raum und Gefühl. In: Dies. (Hg.): Raum und Gefühl: Der Spatial Turn und die neue Emotionsforschung. Bielefeld 2011, 9-25
  • Miggelbrink, Monique: Fernsehen und Wohnkultur: Zur Vermöbelung von Fernsehgeräten in der BRD der 1950er- und 1960er-Jahre. Bielefeld 2018.

Anregungen zur Gestaltung der Dokumentation wurden aus folgenden Werken gezogen:

  • Perec, Georges: Träume von Räumen. Zürich, Berlin  2013.
  • Queneau, Raymond: Stilübungen. Frankfurt am Main 1990.